Editha P.
Echt Blond
Wagnerwaggs1960
Harris Pilton
Prinzessin Lillifee

Geschichte

Wilhelm II. (1859 - 1941)

Ereignisse und Gestalten

aus den Jahren 1878 - 1918

1922

Verlag von K. F. Koehler in Leipzig und Berlin

 

 

Dem

Gedächtnis der Kaiserin,

deren Anregung diese Aufzeichnungen

ihre Entstehung verdanken

 

 

 

Bismarck

 

 Die staatsmännische Größe des Fürsten Bismarck und seine unvergänglichen Verdienste um Preußen und Deutschland sind historische Tatsachen von so gewaltiger Bedeutung, daß es wohl in keinem politischen Lager einen Menschen gibt, der es wagen könnte, sie anzuzweifeln. Deshalb schon ist es eine törichte Legende, daß ich die Größe Bismarcks nicht anerkannt hätte. Das Gegenteil ist richtig. Ich verehrte und vergötterte ihn. Das konnte nicht anders sein. Man bedenke, mit welcher Generation ich groß geworden bin. Es war die Generation der Bismarckverehrer. Er war der Schöpfer des deutschen Reiches, der Paladin meines Großvaters, wir alle hielten ihn für den größten Staatsmann seiner Zeit und waren stolz darauf, daß er ein Deutscher war. Bismarck war der Götze in meinem Tempel, den ich anbetete. Aber Monarchen sind eben auch Menschen aus Fleisch und Blut, deshalb sind auch sie den Wirkungen ausgesetzt, die sich aus den Handlungen Anderer ergeben. So wird man wohl menschlich verstehen können, daß Fürst Bismarck durch seinen Kampf gegen mich mit wuchtigen Schlägen selbst den Götzen zertrümmert hat, von dem ich vorher sprach. Meine Verehrung für den großen Staatsmann Bismarck ist davon unberührt geblieben.

Als ich nochPrinz von Preußen war, habe ich oft gedacht: Hoffentlich lebt der große Kanzler noch recht lange, denn ich wäre geborgen, wenn ich mit ihm zusammen regieren könnte. Meine Verehrung für den großen Staatsmann konnte mich indessen nicht veranlassen, als ich Kaiser geworden war, politische Pläne oder Handlungen des Fürsten, die ich für Fehler hielt, mir zu eigen zu machen. Schon der Berliner Kongreß 1878 war meines Erachtens ein Fehler, ebenso der Kulturkampf. Außerdem war die Reichsverfassung auf Bismarcks ungewöhnliche Maße zugeschnitten, die großen Kürassierstiefel paßten nicht jedem andern. Dann kam die Arbeiterschutzgesetzgebung. Ich habe den daraus zwischen uns entstandenen Konflikt aufs tiefste bedauert, aber ich mußte damals den Weg des Ausgleichs gehen, der überhaupt in der inneren wie in der äußeren Politik mein Weg gewesen ist. Deshalb konnte ich den offenen Kampf gegen die Sozialdemokratie, den der Fürst wollte, nicht führen. Diese Differenz über politische Maßnahmen kann aber meine Bewunderung der staatsmännischen Größe Bismarcks nicht schmälern. Er bleibt der Schöpfer des Deutschen Reiches, mehr braucht wahrlich ein Mann seinem Lande nicht geleistet zu haben.

Weil mir die große Tat der Reichseinigung immer vor Augen stand, habe ich mich durch Hetzereien, die damals an der Tagesordnung waren, nicht beeinflussen lassen. Auch daß man Bismarck als den Hausmeier der Hohenzollern bezeichnete, hat mein Vertrauen zum Fürsten nicht erschüttern können, obwohl er an eine politische Tradition seines Hauses vielleicht gedacht hat. Er war z. B. unglücklich darüber, daß sein Sohn Bill kein Interesse für Politik hatte, und wollte seine Macht auf Herbert überleiten.

Meine Tragik im Falle Bismarck liegt darin, daß ich der Nachfolger meines Großvaters wurde, also gewissermaßen eine Generation übersprang. Das ist schwer. Man hat immer mit alten verdienten Männern zu tun, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart leben und in die Zukunft nicht hineinwachsen können. Wenn der Enkel auf den Großvater folgt und einen von ihm verehrten, aber alten Staatsmann von der Größe Bismarcks vorfindet, so ist das nicht ein Glück, wie es scheinen könnte und wie ich gedacht hatte. Bismarck selbst deutet das in seinem dritten Bande (S. 40) an, als er im Kapitel über Bötticher von der greisenhaften Vorsicht des Kanzlers und dem jugendlichen Kaiser spricht. Und der Fürst hat, als Ballin ihn einen Blick auf den neuen Hamburger Hafen werfen ließ, selbst empfunden, daß eine neue Zeit herangebrochen war, die er nicht mehr völlig verstand; der Fürst sagte damals staunend: "Eine andere Welt, eine neue Welt!" In ähnlicher Weise zeigte sich diese Erscheinung bei dem Besuche des Admirals v. Tirpitz in Friedrichsruh, als dieser den Altreichskanzler für die erste Flottenvorlage gewinnen wollte.

Ich persönlich habe die Genugtuung, daß Bismarck mir 1886 die recht delikate Mission nach Brest anvertraute und von mir gesagt hat: "Der wird einmal sein eigener Kanzler sein." Der Fürst muß also etwas von mir gehalten haben. Ich bin ihm wegen des dritten Bandes seiner Erinnerungen nicht gram; ich habe diesen freigegeben, nachdem ich mein Recht gesucht und gefunden hatte. Die weitere Zurückhaltung des Bandes hatte keinen Zweck, weil der Hauptinhalt durch Indiskretionen schon bekannt geworden war. Sonst hätte man über die Zweckmäßigkeit der Erscheinungszeit wohl verschiedener Meinung sein können. Bismarck würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wissen könnte, zu welchem Zeitpunkte der dritte Band herausgekommen ist und welche Wirkung er ausgelöst hat. Ich würde es aufrichtig bedauern, wenn der dritte Band dem Andenken des großen Kanzlers geschadet haben sollte, denn Bismarck ist eine der Heroengestalten, die das deutsche Volk zu seiner Aufrichtung braucht. Meine Dankbarkeit und Verehrung für den großen Kanzler kann weder durch den dritten Band noch durch irgendetwas anderes angefochten oder ausgelöscht werden.

In der ersten Hälfte der 80er Jahre war ich auf Antrag des Fürsten Bismarck in das Auswärtige Amt kommandiert worden, das bei meiner Meldung bei ihm eine kurze Skizze der Persönlichkeiten im Amt. Als er dabei Herrn v. Holstein nannte, der damals einer der hervorragendsten Mitarbeiter des Fürsten war, klang es mir durch die Worte des Fürsten wie eine Warnung vor diesem Manne.

Ich erhielt ein eigenes Zimmer und zum Studium die ganzen Akten über die Vorgeschichte, die Entstehung und den Abschluß des Bündnisses mit Österreich (Andrassy). Ich verkehrte viel im Hause des Fürsten und bei dem Grafen Herbert. Als ich in dem Bismarckschen Kreise vertrauter geworden war, wurde über Herrn v. Holstein offener gesprochen.  Er sei sehr gescheut, eine gute Arbeitskraft, maßlos eitel, ein Sonderling, der sich niemals irgendwo zeige und keinerlei gesellschaftlichen Verkehr habe, voller Mißtrauen und sehr von Schrullen beherrscht, dabei ein guter Hasser, also gefährlich. Der Fürst nannte ihn den "Mann mit den Hyänenaugen", von dem mich fern zu halten ich gut tun würde. Offenbar reiste schon damals die herbe Kritik, mit der der Fürst später seinen früheren Mitarbeiter bedacht hat.

Das auswärtige Amt war äußerlich disziplinarisch durch Graf Herbert, dessen Grobheit gegen seine Beamten mir auffiel, sehr scharf aufgezogen. Die Herren flogen, wenn sie gerufen oder entlassen wurden, vor dem Grafen so, daß, wie man damals scherzhaft sagte, "ihnen die Rockschöße wagerecht vom Körper standen". Die auswärtige Politik wurde ganz allein vom Fürsten geleitet und diktiert, nach Rücksprache mit dem Grafen Herbert, der die Befehle des Kanzlers weitergab und in Instruktionen umredigieren ließ. So war das Auswärtige Amt nur ein Büro des großen Kanzlers, in dem auf dessen Weisung gearbeitet wurde. Hervorragende Männer mit selbständigen Ideen wurden in ihm nicht geschult und ausgebildet. Im Gegensatz zum Generalstab unter Moltke. Hier wurde nach Grundsätzen, die sich bewährt hatten, unter Wahrung alter Traditionen und unter Berücksichtigung aller Erfahrungen der Neuzeit der Nachwuchs sorgfältig ausgebildet und zu selbständigem Denken und Handeln erzogen. Im Auswärtigen Amt hingegen befanden sich nur ausführende Organe eines Willens, die, über die großen Zusammenhänge der ihnen zur Bearbeitung überwiesenen Fragen nicht orientiert, keine selbsttätige Mitarbeit leisten konnten. Der Fürst lagerte wie ein mächtiger Granitfindling auf der Wiese: wälzt man ihn fort, so findet man hauptsächlich Gewürm und abgestorbene Wurzeln darunter.

Ich gewann mir das Vertrauen des Fürsten, der vieles mit mir besprach. Als z. B. der Fürst die ersten Kolonialerwerbungen (Groß- und Klein-Popo, Togo usw.) veranlaßte, orientierte ich ihn auf seinen Wunsch über die Stimmung, die im Publikum und in der Marine dadurch ausgelöst wurde, und schilderte die Begeisterung, mit der das deutsche Volk die neue Bahn begrüßte. Der Fürst meinte, das sei die Sache wohl nicht wert.

Späterhin habe ich noch öfters über die Kolonialfrage mit dem Fürsten gesprochen und stets mehr die Absicht vorgefunden, die Kolonien als Handels- oder Tauschobjekte zu benutzen, als sie für das Vaterland nutzbringend zu verwerten oder zur Rohstofflieferung zu gebrauchen. Ich machte pflichtgemäß den Fürsten darauf aufmerksam, daß der Kaufmann und der Kapitalist energisch anfingen, die Kolonien zu entwickeln, und demgemäß - wie ich aus Hansakreisen wußte - auf Schutz durch eine Flotte rechneten. Daher müsse man für den rechtzeitigen Ausbau einer Flotte sorgen, damit deutsche Werte im Auslande nicht schutzlos blieben. Die deutsche Flagge habe der Fürst nun mal in der Fremde entfaltet, hinter ihr stehe das Volk, es müsse aber auch eine Flotte dahinter stehen. Allein der Fürst machte taube Ohren und gebrauchte sein beliebtes Motto: "Wenn die Engländer bei uns landen sollten, würde ich sie arretieren lassen", die Kolonien würden zu Haus verteidigt. Der Fürst legte keinen Wert darauf, daß schon die bloße Annahme, die Engländer könnten in Deutschland ungehindert landen - Helgoland war englisch - , für Deutschland unerträglich war, und daß wir, um eine Landung von vornherein auszuschließen, eine genügend starke Flotte und Helgoland brauchten.

Das politische Interesse des Fürsten konzentrierte sich eben im wesentlichen auf den Kontinent Europa. England lag etwas abseits seiner täglichen Sorgen, um so mehr als Salisbury mit dem Fürsten gut stand und namens Englands seinerzeit den Zwei- bzw. Dreibund bei seiner Schöpfung begrüßt hatte. Der Fürst arbeitete vorwiegend mit Rußland, Österreich, Italien und Rumänien deren Beziehungen zu Deutschland und untereinander er andauernd kontrollierte. Über die Umsicht und Kunst, mit der er operierte, machte Kaiser Wilhelm der Große einmal seinem Kabinettschef v. Albedyll gegenüber eine treffende Bemerkung. Der General fand Seine Majestät nach einem Vortrage Bismarcks sehr erregt, so daß er für die Gesundheit des alten Kaisers fürchtete. Er bemerkte daher, der Kaiser möge sich doch den weiteren Ärger ersparen, wenn der Fürst nicht wie Seine Majestät wolle, möge man ihn gehen lassen. Darauf erwiderte der Kaiser: Trotz seiner Bewunderung und Dankbarkeit für den großen Staatsmann habe auch er schon daran gedacht, da das selbstbewußte Wesen des Fürsten manchmal allzu drückend werde. Aber er und das Vaterland brauchten ihn nötig, da der Fürst der einzige Mann sei, der mit fünf Kugeln jonglieren könne, von denen mindestens zwei immer in der Luft seien; das könne er, der Kaiser, nicht.

Daß der Fürst durch den Erwerb von Kolonien seinen Blick über Europa hinaus zu richten hatte und mit England in besonderem Maße große Politik zu führen automatisch gezwungen war, das sah er nicht. England war wohl eine der fünf Kugeln in seinem diplomatisch-staatsmännischen Spiel, aber nur eine unter den fünf, und ihr wurde die besondere Bedeutung, die ihr zukam, nicht zugebilligt.

Deshalb war auch das Auswärtige Amt ganz auf die Kontinentalkonstellation eingespielt und hatte für Kolonien, Flotte oder England nicht das erforderliche Interesse und seine Erfahrung in Weltpolitik. Die englische Psyche und Mentalität in der restlosen, wenn auch durch allerhand Mäntelchen verhüllten Verfolgung des Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch mit sieben Siegeln. Der Fürst sagte mir einmal, sein Hauptaugenmerk sei, Rußland und England nicht zu einem Einverständnis kommen zu lassen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment, dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben gewesen, wenn man 1877/78 die Russen nach Stambul gelassen hätte, dann wäre die englische Flotte ohne weiteres zur Verteidigung Stambuls eingefahren und der Konflikt wäre dagewesen. Statt dessen habe man den Russen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, sie vor den Toren der Stadt, die sie nach furchtbaren Kämpfen und Mühen erreicht hatten und vor sich sahen, zur Umkehr gezwungen. Das habe in der russischen Armee einen unauslöschlichen Haß gegen uns entfesselt (Mitteilung preußischer Offiziere im russischen Heer, welche den Feldzug mitgemacht hatten, insbesondere des Grafen Pfeil). Obendrein habe man dann den Vertrag umgestoßen und durch den Berliner Kongreß ersetzt, der uns in den Augen der Russen noch mehr als Feinde ihrer "berechtigten Interessen im Orient" belastet habe. Auf diese Weise sei der vom Fürsten erhoffte Konflikt zwischen Rußland und England in weite Ferne gerückt.

Der Fürst teilte diese Beurteilung "seines" Kongresses, auf dessen Ergebnis er als "ehrlicher Makler" so stolz war, nicht, und bemerkte ernst, er habe einer allgemeinen Konflagration vorbeugen und seine guten Dienste zur Vermittlung anbieten müssen. Als ich später einem Herrn des Auswärtigen Amts diese Unterredung mitteilte, erwiderte dieser, er sei damals dabeigewesen, als der Fürst nach Unterzeichnung des Berliner Vertrages in das Auswärtige Amt gekommen und von den dort versammelten Beamten die Glückwünsche entgegengenommen habe. Darauf habe der Fürst sich emporgereckt und geantwortet: "Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Bock!" Der Herr bemerkte dazu: da habe der Fürst sich geirrt, denn damals drohte schon an Stelle der russo-preußischen Freundschaft die russo-französische zu entstehen, also zwei Pferde waren aus dem Viererzug schon heraus. Disraeli's Staatskunst hatte aus Bismarcks ehrlichem Maklertum in den Augen Rußlands die Vermittelung eines anglo-österreichischen Sieges über Rußland gemacht. 

 

(Fortsetzung folgt...)